28.03.–28.06.2026
For Ever and Forever When I Move
Mit Enya Burger und Teresa Linhard
Kuratorin Jessica Aydin
DEU
In seinem 1842 veröffentlichten Gedicht Ulysses lässt der viktorianische Schriftsteller Lord Alfred Tennyson (1809–1892) einen älter gewordenen Odysseus wehmütig seine abenteuerlichen Tage auf hoher See Revue passieren. Jahrhunderte später sind wieder westliche Entdecker auf den Meeren unterwegs. Ihr Ziel ist nicht nur die Expansion Europas. Forscher und Wissenschaftler suchen auch nach anderen Schätzen: Biologische Proben werden geborgen, aus denen wissenschaftliche Theorien entwickelt werden, die aus heutiger Sicht ebenso mythisch und fantastisch klingen wie Odysseus’ Abenteuer. Viele dieser Seefahrer waren Eroberer und Besetzer, die fremde Territorien gewaltsam in Besitz nahmen und deren Kulturgüter vereinnahmten und nach Europa brachten. Die für Europa beglückende Erfahrung der gewaltsamen Erweiterung des Weltbildes ging einher mit Leid und Unterdrückung indigener Gesellschaften, auf deren Kosten die viel gerühmte „Gleichheit“ der Aufklärung ging.
For Ever and Forever When I Move
KIT - Kunst im Tunnel
Mit Enya Burger und Teresa Linhard
Kuratorin Jessica Aydin
Fotos Ivo Faber
DEU
In seinem 1842 veröffentlichten Gedicht Ulysses lässt der viktorianische Schriftsteller Lord Alfred Tennyson (1809–1892) einen älter gewordenen Odysseus wehmütig seine abenteuerlichen Tage auf hoher See Revue passieren. Jahrhunderte später sind wieder westliche Entdecker auf den Meeren unterwegs. Ihr Ziel ist nicht nur die Expansion Europas. Forscher und Wissenschaftler suchen auch nach anderen Schätzen: Biologische Proben werden geborgen, aus denen wissenschaftliche Theorien entwickelt werden, die aus heutiger Sicht ebenso mythisch und fantastisch klingen wie Odysseus’ Abenteuer. Viele dieser Seefahrer waren Eroberer und Besetzer, die fremde Territorien gewaltsam in Besitz nahmen und deren Kulturgüter vereinnahmten und nach Europa brachten. Die für Europa beglückende Erfahrung der gewaltsamen Erweiterung des Weltbildes ging einher mit Leid und Unterdrückung indigener Gesellschaften, auf deren Kosten die viel gerühmte „Gleichheit“ der Aufklärung ging.
In der Ausstellung „For Ever and Forever When I Move“ – der Titel zitiert eine Zeile aus Tennysons Gedicht, das den Bewegungsfluss von Material, Formen und Wissen über territoriale Grenzen und Epochen hinweg beschreibt – zeigen die Künstlerinnen Enya Burger und Teresa Linhard Werke in höchst unterschiedlichen Formaten. Mit ihren materiell gegensätzlichen Ansätzen gehen die beiden Absolventinnen der Kunstakademie Düsseldorf viele Jahrhunderte zurück, um in ihren Werken Motive, Geschichten und Theorien darzustellen, die sich zwischen Fakt und Fiktion, Mythologie und Wissenschaft bewegen. Ihre Kunst lässt uns Räume erkennen, die ein Dazwischen sind – und sie gibt uns Bilder an die Hand, die uns dazu anregen können, unser eurozentristisches Erbe zu reflektieren.
Teresa Linhard verwendet in ihren Arbeiten handwerkliche Techniken, die auf textilen Verfahren beruhen. So entstehen ihre Malereien auf Holz beispielsweise mit Methoden, die der Batik entlehnt sind. In ihrer Recherche beschäftigt sie sich mit europäischer Chinoiserie und dem Gegenkonzept der chinesischen Europerie aus dem 18. Jahrhundert. Die Anfänge von Aufklärung und Globalisierung markieren einen kurzen Moment in der europäischen Geschichte, in dem sich mittelalterliche, teils mythische Vorstellungswelten mit einem „wissenschaftlichen“ Denken überlagerten. Das europäische Interesse an China führte zu einer eigenständigen Formensprache, der Chinoiserie, die weniger mit dem tatsächlichen China jener Zeit als mit europäischen Projektionen und Sehnsüchten verbunden war. Einzelne Motive lassen sich auf Holzschnitte der chinesischen Populärkunst zurückführen. Umgekehrt blieb China vom Kontakt mit europäischen Händlern und Missionaren weitgehend unbeeindruckt; lediglich einzelne westliche Gestaltungsprinzipien wie die Zentralperspektive fanden Eingang in chinesische Darstellungsweisen. In Anlehnung an Byung-Chul Hans Essay Shanzhai. Dekonstruktion auf Chinesisch nähert sich Linhard dem Thema über das sensible Kopieren historischer Vorlagen. Sie bringt beide Blickrichtungen in einen zeitgenössischen Dialog und zeigt, dass Erzählungen stets auch Aussagen über die Vorstellungen und Sehnsüchte der eigenen Kultur treffen.
Text Jessica Aydin

ENG
In his poem Ulysses, published in 1842, the Victorian writer Alfred, Lord Tennyson (1809–1892) imagines an aging Odysseus wistfully recounting his adventurous days at sea. Centuries later, Western explorers again set out across the oceans. Their aims extended beyond the expansion of Europe: researchers and scientists sought other kinds of treasure, collecting biological specimens from which they developed scientific theories that, from today’s perspective, can seem as mythical and fantastical as Odysseus’s adventures. Many of these seafarers were also conquerors and occupiers who violently seized foreign territories, appropriating cultural artifacts and transporting them to Europe. For Europe, this triumphant experience of forcibly expanding its worldview went hand in hand with the suffering and oppression of Indigenous societies, at whose expense the much-vaunted “equality” of the Enlightenment was realized.
In the exhibition For Ever and Forever When I Move—its title quoting a line from Alfred, Lord Tennyson that evokes the movement of materials, forms, and knowledge across territorial boundaries and historical epochs—Enya Burger and Teresa Linhard present works in distinctly different formats. Employing contrasting material approaches, the two graduates of the Kunstakademie Düsseldorf reach back across centuries to explore motifs, narratives, and theories that move between fact and fiction, mythology and science. Their work opens up spaces of in-betweenness, offering images that prompt critical reflection on our Eurocentric inheritance and its contradictions.
Teresa Linhard works with artisanal techniques rooted in textile processes. Her paintings on wood, for example, are produced using methods derived from batik. In her research, she engages with European chinoiserie and its counterpart, the eighteenth-century Chinese concept of “Europerie.” The early phases of the Enlightenment and globalization mark a brief moment in European history in which medieval, partly mythical worldviews overlapped with an emerging “scientific” mode of thinking. Europe’s fascination with China gave rise to a distinct formal language — chinoiserie — that was shaped less by the realities of China at the time than by European projections and desires. Certain motifs can be traced back to woodblock prints from Chinese popular art. Conversely, China remained largely unaffected by contact with European merchants and missionaries; only a few Western compositional principles, such as linear perspective, found their way into Chinese modes of representation. Drawing on Byung-Chul Han’s essay Shanzhai: Deconstruction in Chinese, Linhard approaches the subject through the careful copying of historical sources, bringing these two perspectives into a contemporary dialogue and demonstrating that narratives always also articulate the desires and imaginaries of the cultures that produce them.
Text Jessica Aydin







